Auf Reisen mit dem Westone AM Pro 30

Die Profi-Monitoring Serie AM Pro (auch AMPro) von Westone ist eigentlich ein Nischenprodukt, das sich speziell an bestimmte Ansprüche richtet. An den Hifi-Enthusiasten sind der AM Pro 10, 20 und 30 ohne Aufmerksamkeit vorbeigezogen. Völlig zu Unrecht!

Was zeichnet den AMPro eigentlich aus? Im Gegensatz zur UM Pro Serie sind die AM Pro nicht komplett geschlossen. Sie als (halb-)offene IEM zu bezeichnen wäre jedoch eine unberechtigte Vereinfachung. Tatsächlich hat Westone hier einen professionellen Gehörschutz in den IEM gebaut, der die Umgebung zwar abdämpft, aber dies beeindruckend linear, so dass umgebender Lärm nicht dumpf, sondern klar verständlich runter gedrückt wird. Die Hersteller aus Colorado haben ihre Idee als „SLED Technology“ patentieren lassen. Vergleichbar ist das Resultat in etwa mit einem Etymotic Gehörschutz, nur dass Westone noch zusätzlich einen hochwertigen Monitor in Einem mitliefert.

Ich habe mir den AM Pro 30 für eine Langstreckenreise geschnappt und wurde positiv überrascht.
Aus Gewöhnung habe ich mich mit den SoundMAGIC E11C zum Bahnhof begeben. Über das hochwertige Headset habe ich mich sehr gefreut als ich meiner besseren Hälfte meine Anreise ankündigte. Der E11C dämpft Umgebungsgeräusche angemessen und bei geringen Lautstärken ist auch das Umfeld gut wahrnehmbar. Am Gleis habe ich dann erstmals zum Westone gewechselt und war anfangs total verwirrt. All die Jahre Erfahrung mit Inears und plötzlich bin ich zu dumm den Ohrhörer richtig einzusetzen? Ich dachte ich bekäme keine ordentliche Abdichtung hin, doch das Licht ging bei mir erst an, als ich den korrekten Sitz mit dem Summtest verifiziert habe. Weg ist das dumpfe Taubheitsgefühl! Umgebung, Stimmen und vor allem Lautsprecherdurchsagen kommen unverfärbt ans Ohr – nur eben leiser. Verdutzt klatsche ich in die Hände und bin über das klare Geräusch so beeindruckt, dass ich wie ein Irrer mit breitem Grinsen links und rechts vor meinen Ohren klatsche. Leider wurde mir erst nachher bewusst, was das für ein merkwürdiges Bild für die anderen Reisegäste gewesen sein muss. Falls von euch jemand mitliest: Sorry!

Das Tolle ist, dass auch der AM Pro angemessen isoliert, so dass ich die Lautstärke beim Musikkonsum weiterhin gering halten kann. Doch wenn die Musik stoppt, höre ich glasklar wie mein Gegenüber das Blatt wendet, ein anderer nach Münzgeld greift, der Schaffner mich nach dem Fahrschein fragt oder mein iPhone eine neue Nachricht empfängt. Zum Vergleich wechsle ich zum UM Pro und bin über die dumpfe Isolierung enttäuscht, der nur noch das Brummen vom Zugantrieb durchlässt. Mir wird klar, wie genial das SLED-System in der AMPro-Serie von Westone eigentlich ist.

Was Westone schon seither gut hinbekommen hat, ist die bequeme Trageweise mit dem Kabel über dem Ohr. Dies war mal bekennendes Merkmal für die Unterscheidung zwischen Massenmarkt-Ohrhörer und Profi-IEM. Diese Abgrenzung hat sich mittlerweile aufgelöst, so dass der AM Pro in der Öffentlichkeit nicht als „Werkzeug“ auffällt, sondern unauffällig im Ohr verschwindet. Die Anmerkung „das sieht aus wie ein Hörgerät“ habe ich schon lange nicht mehr gehört. (Und wenn es in meiner Nähe jemand gesagt hätte, hätte ich es dank des AM Pro auch gehört.)

Das kompakte Westone-Design macht auch optisch etwas her. Zwar wird fürs Gehäuse nur Plastik verwendet, doch das tut der Verarbeitung keinen Abbruch. Die Goldkontakte sind durch das transparente Plastik gut sichtbar und der lineare Akustikfilter wird attraktiv im Firmenlogo versteckt. Das Kabel ist natürlich austauschbar und aus gleichem Hause gibt es auch Lösungen mit Headsets (Apple, Android und Bluetooth).
Abgerundet wird das Gesamtpaket durch umfangreiches Zubehör. Das winzige Peli-Case könnte nicht mehr Schutz bieten und an Aufsätzen ist das Komplettpaket an Westone Premium Audiophile True-Fit Foams und Silicone Star-Tips dabei. Auch ein kleines Reinigungswerkzeug ist enthalten.

Das Produkt ist also gut durchdacht und bietet alles, das man benötigt. Die einzige offene Frage die bleibt, lautet: Wie ist der Klang?

Als Profiwerkzeug orientiert sich Westone natürlich vordergründig an die Profi-Musiker. Und die mögen es gerne laut. Entsprechend ist der AM Pro 30 einfach zu befeuern und er erreicht schnell sehr hohe Lautstärken. Am Shanling M0 reichen mir bei ruhiger Umgebung – trotz Feinjustierung in hundert Stufen – bereits die unteren 10. Die Ansprüche, die an das Quellgerät gestellt werden, sind dennoch hoch. Rauschen oder Verzerrungen vom Verstärker werden gnadenlos aufgezeigt. Von einem hochwertigen Wandler, wie im RME ADI-2 DAC oder dem Chord Mojo, kann der AM Pro stark profitieren.

Westone hat sich einen guten Ruf durch einen wiedererkennenden Soundcharakter aufgebaut. Auch der AM Pro 30 weicht vom „House-Sound“ nicht ab. Der Klang ist warm, weich und wunderbar unanstrengend. Für Westone-Verhältnisse ist der AM Pro 30 jedoch ein gutes Stück neutraler, das sich u.a. durch eine bessere Sprachverständlichkeit bemerkbar macht.

Bassdruck baut der Pro 30 nicht auf. Manch einer wird einen Subwoofer vermissen, doch die Textur ist detailliert und belohnt jene, die sich gerne in Details vertiefen.
Stimmen sind tendenziell leicht warm und versuchen nicht mit der Studio-Neutralität eines Etymōtic ER4 SR zu konkurrieren. Stattdessen klingen sie weicher und auch fülliger, bußen jedoch kein bisschen an Präsenz ein.
Diese Linie führt Westone im Hochton weiter. Klar, aber nicht anstrengend, werden Beckenschläge und auch Trompeten im Ohr reproduziert. Bei Violinen fehlt eventuell ein Quäntchen Luftigkeit, doch das verzeiht man dem gefälligen Klang gerne.

Die Kurve der Dämpfung entspricht erschreckend nah der des Frequenzgangs. Damit vermischt sich der Output des IEM mit der tatsächlichen Umwelt. Bei angepasster Lautstärke wird es schwer die Musik von der Umgebung zu trennen. Dadurch entsteht der Eindruck von unendlicher Weite – oder ein Raumklang ohne… Raum. Das ist durchaus beeindruckend, aber auch etwas geschummelt. Die eigentlichen Informationen werden relativ direkt an die Ohren gebracht, doch für Anwender, die den Sound von Inears beengend finden, ist dies sicherlich eine spannende Option.

Im Langzeittest muss ich das SLED-Filtersystem etwas relativieren. Im Vergleich zu normalen IEM ist der Unterschied von der Abdämpfung her weit ausgeglichener. Aber dennoch werden die höheren Frequenzen einen Hauch zu stark gedämpft, was sich bei Musikern bemerkbar machen könnte, wenn sie auf das Durchdringen von Rasseln oder Beckenschlägen angewiesen sind. Für ein passives System ist die Filterung der Umgebungsgeräusche, die immerhin trotzdem 12dB beträgt, dennoch sehr beeindruckend.
Meine Erfahrung ist, dass ich mit dem AM Pro sehr viel leiser hören möchte als mit anderen Inears. Ich bekomme alles von der Umgebung mit – wie bei einem offenen Kopfhörer wie dem Beyerdynamic T1 – jedoch ein ganzes Stück leiser, weshalb ich automatisch die Lautstärke runter regle. Allein deswegen ist die AMPro Serie gerade für Vielhörer eine Empfehlung wert. Ganz besonders für diejenigen, die sich oft an Bahnhöfen und Flughäfen aufhalten. Ich schäme mich fast selber, dass mir diese Technologie bis jetzt durchgegangen ist. Sie ist absolut Hifi-Anwender-tauglich!

Gepaart mit hohem Komfort, einem tollen Lieferumfang und einem unanstrengenden neutral-warmen Sound bietet der Westone AM Pro 30 ein wirklich attraktives Gesamtpaket. Wer nicht zu viel Wert auf die allertiefsten und höchsten Oktaven legt, findet hier eventuell den besten Westone unter 1.000 €.

Erhältlich ist der Westone AM Pro 30 über diesen Link: Westone AM Pro 30

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